• Praxisschwerpunkte
    > ADS ADHD

Vorwort: Die Probleme so genannter ”hyperaktiver” und ”unkonzentrierter” Kinder haben in den vergangenen Jahren sowohl in den Medien als auch bei Eltern und Fachleuten zunehmend Beachtung gefunden. Dabei wurde insbesondere die medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien sehr kontrovers und oft auch sehr emotional diskutiert. Hier eine Zusammenstellung der wichtigsten Themen rund ums ADHS.


  • Andere Bezeichnungen für das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS)
    • Hyperkinetisches Syndrom (HKS)
    • Aufmerksamkeits- Defizit- Hyperaktivitäts-Störung (ADS, ADHS)
    • Aufmerksamkeitsstörung mit und ohne Hyperaktivität
    • Attention Deficit (Hyperactivity) Disorder (ADHD)
    • Minimal Cerebral Dysfunction (MCD)
    • Psychoorganisches Syndrom (POS)
  • Was ist unter ADHS zu verstehen? Die Kinder fallen bei verschiedensten Gelegenheiten auf durch
    • inadäquate Aufmerksamkeit/ Unaufmerksamkeit
    • Impulsivität
    • ausgeprägte Unruhe
lnadäquate Aufmerksamkeit/ Unaufmerksamkeit äußert sich einmal darin, daß es den Kindern schwer fällt ihre Konzentration längere Zeit auf eine geforderte Aufgabe zu richten, und zum anderen in Schwierigkeiten wesentliche von unwesentlichen Hinweisreizen zu unterscheiden. Letzteres führt z.B. zu einem erschwerten Verständnis von Mimik, Gestik und Körpersprache anderer Menschen.

Impulsivität wird in unüberlegten Handlungen deutlich bis hin zu Selbst- und Fremdgefährdung. Letztlich beruht auch dies auf einer ungenügenden Auswertung von Hinweisreizen.

Ausgeprägte äußere, motorische Unruhe finden wir vor allem bei Jungen. Mädchen zeigen häufig eine ”innere Unruhe” im Sinne von starker Gedankenverlorenheit, Träumen u. ä.. Es darf aber nicht übersehen werden, dass es sich beim ADS um eine Diagnose handelt, bei der die Übergänge zwischen ”normal” und ”auffällig” fließend sind. So ist z.B. bei der Diagnosestellung zu berücksichtigen, dass auch der normale Bewegungsdrang von Kindern individuell und altersbedingt stark schwankt.

Die Kinder wirken insgesamt häufig als Unfriedenstifter, Störer mit starker sozialer Entwicklungsverzögerung, wenig ausdauernd und gering motiviert, etwas zu tun, was von ihnen verlangt wird.

Im Intelligenztest sehen wir meist ein sehr inhomogenes Profil. Häufig registrieren wir signifikante Leistungseinbrüche bei Aufgaben, die eine kurzfristige Merkfähigkeit bei sequentieller Aufgabenstellung erfassen (z.B. Nachsprechen immer länger werdender Zahlenreihen).

In dem heute vorwiegend verwendeten lntelligenztestverfahren ”Kaufmann Assessment Battery for Children” (K-ABC) äußert sich dies vor allem darin, dass der Standardwert im einzelheitlichen Denken häufig signifikant niedriger ausfällt als der im ganzheitlichen Denken. Ein weiterer Subtest, in dem betroffene Kinder häufig unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielen, ist der Test ”Rätsel” aus der Fertigkeitenskala. Hier wird ein längeres Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit für rein auditiv angebotene Informationen gefordert.

  • ALLES in KÜRZE

Die Störung ist keine Krankheit im üblichen Sinne, da sie sich nicht kategorisch oder qualitativ sondern nur durch ihr Ausmaß (i.e. quantitativ oder dimensional) vom Normalen unterscheidet. So sind ADHS-typische Eigenschaften gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Die Diagnose ist von den Erwartungen des Umfeldes und der gesellschaftlichen Bewertung z.B. wie beim Autismus abhängig. Deshalb existiert kein zuverlässiger Test.

DEFINITION der Störung:

  • Beginn in frühester Kindheit z.B. mit Regulationsstörungen
  • Dauer über 6 Monate
  • tritt in mehreren Lebensbereichen auf
  • die Störung entspricht nicht der Norm Gleichaltriger
  • Teilnahme und Integration in gesellschaftliche Aktivitäten sind erschwert
SYMPTOME:
  • kurze Aufmerksamkeitsspanne
  • leichte Ablenkbarkeit
  • mangelhafte Impulskontrolle
  • motorische Hyperaktivität nicht zwingend notwendig
DIAGNOSE:
  • die Diagnose ist nicht leicht zu stellen, da es eine klinische Diagnose ist
  • Es gibt kein allgemein anerkanntes Störungsmodell oder theoretisches Konzept der Störung
  • Es gibt keinen zuverlässigen Test, Biomarker, MRT oder genetischen Befund der eine objektive Diagnose ermöglicht
  • die Störung überschneidet sich in 70% der Fälle erheblich mit komorbiden Störungen


  •   Komorbidität Von Komorbidität spricht man, wenn eigenständige Krankheits- oder Störungsbilder gleichzeitig mit der zur Diskussion stehenden Erkrankung auftreten. Beim ADS treten diese zu 70% auf 
  • Häufig  manchmal 
    Störungngen der sensorischen Integration
    Tic-Erkrankungen
    gestörte Grob- und Feinmotorik Angststörungen
    visuelle Teilleistungsstörung Zwangsstörungen
    auditive Teilleistungsstörung Depressionen
    Einnässen, vor allem nachts Allergien
    oppositionelles Verhalten  
    Diese Störungsbilder können also sowohl allein, als auch gleichzeitig mit einer Aufmerksamkeitsstörung auftreten.
  •  Welche Ursachen gibt es für das ADHS?
Genetische Faktoren spielen gelten als Voraussetzung für ein Entstehen der Störung. Hierfür spricht ein gehäuftes familiäres Vorkommen und die Konkordanz bei eineiigen Zwillingen. Die meisten Wissenschaftler sind sich heute einig darüber, daß die Hauptursache in einer veränderten Funktionsweise des Gehirns zu suchen ist.

Bei ADHS erreichen weniger Botenstoffe aus der Senderzelle (hier DOPAMIN) die die Rezeptoren der Empfängerzellen.

Es besteht ein lokaler Dopaminmangel.

Die Reizaufnahme und Reizverarbeitung in bestimmten Hirnarealen ist dadurch gestört.

Manche Forscher sprechen von einer Reifungsstörung. Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2007 belegen bei ADHS eine verzögerte Reifung der Hirnrinde. Untersuchungsergebnisse  im MRT (Magnetcomputer-tomografen) passen zu den klinischen Befunden des ADHS: Funktionen des präfrontalen Kortex auffällig: (ExekutivFunktionen mit mit Arbeitsgedächtnis, Handlungsplan und -umsetzung, Impuls-kontrolle und Motivation). Jedoch gibt es Hinweise, daß Erziehungsfehler in den ersten 3 Lebensjahren (Fernsehen,Reizüberflutung) ein Rolle spielen können (im Sinne eines nicht genutzten Zeitfensters).

Seltener tritt diese Störung als Folge einer Schädigung vor, während oder kurz nach der Geburt auf (z.B. Sauerstoffmangel, Frühgeburt, Enzephalitis).

Nahrungsbestandteile als Ursache spielen vermutlich eine sehr geringfügige Rolle.

Die Ursache liegt eher nicht in mangelhafter Erziehung nach dem 3. Geburtstag, obwohl. Somit handelt sich nicht um eine psychoreaktive Störung.


  • Verlauf und Prognose:
Säugling:
Retrospektiv fallen überzufällig einige typische Verhaltensweisen auf.
   Da das ADHS eine genetische Disposition darstellt, ist zu erwarten, daß das Kind schon früh auffällig sein kann. Eine Diagnose läßt sich in diesem Alter noch nicht sicher stellen. Wohl aber gibt es Verhaltensweisen, die an ein ADHS denken lassen und retrospektiv zugeordnet werden können.
   Oft fallen frühe Regulationsstörungen auf. Häufig sind es sogenannte Schreikinder, die kaum zu beruhigen sind und die Eltern an den Rand der Belastbarkeit führen. Ebenso wird häufiger über Schlaf- und Fütterstörungen berichtet.
   Diese Kinder profitieren von einem stärker von außen vorgegebenen Rhythmus der Schlaf-, Wach- und Essenszeiten. 
   Bei manchen Kindern lassen sich schon in diesem Alter zum Beispiel häufige Blickwechsel beobachten. Vor allem in zwei stark emotionalen Situationen wird zwischen Menschen ein langer Blickkontakt gehalten: wenn man sich in heftigem Kampf gegenüber steht und bei starker Verliebtheit.
Jede Mutter ist in ihr Kind verliebt und erwartet unbewußt, daß ihr Säugling ihren langen Blick ebenso lang erwidert. Wenn das Baby das nicht kann und immer wieder wegblickt, kann dies von der Mutter als Kränkung erlebt werden und so zu einer Belastung oder Störung der Bindung führen.
   Ebenso mag eine Mutter mit ADHS durch ihrerseits nur kurze Blickkontakte das Baby irritieren und so auch zu Schwierigkeiten in der Bindung führen.
Wie von den Bindungsforschern (z.B. Karl Heinz Brisch) immer wieder beschrieben, ist die feinfühlige und prompte Reaktion der Hauptbetreuungspersonen besonders hilfreich.

Kleinkind:
   Mit den ersten freien Schritten werden der Bewegungsdrang und die motorische Hyperaktivität immer deutlicher. Auffällig und teilweise belastend für die Umgebung ist die Rastlosigkeit. Hyperaktive Kinder lassen sich von jedem Reiz in ihrer näheren Umgebung ansprechen und folgen ihm, verweilen nur kurz, blicken umher, entdecken den nächsten Reiz und sind wieder unterwegs.
   Die kurze Aufmerksamkeitsspanne behindert eine intensive Beschäftigung mit einer Sache und das Lernen. Ein Kind stolpert oder läuft gegen eine Tür, weil es von einem interessanten Gegenstand, Lichtreiz oder Geräusch gerade abgelenkt ist. Nur langsam lernen solche Kinder durch Erfahrung, denn Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung zur Gedächtnisbildung.
   Das Pendant zur Regulationsstörung im Säuglingsalter ist die ausgeprägte Trotzphase bei den Kleinkindern. Warten, Bedürfnisse aufschieben, Versa- gungen ertragen, fallen ihnen sehr schwer. Die Stimmungen schwanken plötzlich und heftig. Die kurze Merkspanne hat hier einen Vorteil: die Kinder sind nicht nachtragend. Während der Erwachsene noch im Nachklang des Gefühlsausbruchs verhaftet ist, kommt das Kind schon wieder völlig unbeschwert zurück.
   Das Kind beschäftigt sich eher ziellos, ist wuselig. Das Kind bleibt unzufrieden, sitzt inmitten eines Bergs von Spielzeug und langweilt sich. Es spielt nur kurz, eher kraftvoll, nimmt das Spielzeug vielleicht auseinander, und greift schon zum nächsten. Alles ist nicht richtig, immer wieder kommt ein neuer Reiz dazwischen.
  Daher tut ihnen eine stark strukturierende liebvolle Nähe eines Erwachsenen gut. Gelebte Regeln, einfühlsame klare Führung geben dem Kind Sicherheit und eine Chance, den Erwartungen zu folgen. Geduld und Langmütigkeit der Eltern werden immer wieder auf die Probe gestellt.

Kindergartenkind:
   Im Kindergarten fällt auf, daß diese Kinder nicht lange im Stuhlkreis sitzen bleiben können. Sie können kaum abwarten an der Reihe zu sein und reden drauf los, auch wenn es nicht zum Thema gehört. Schnell wird es ihnen langweilig und sie beschäftigen sich mit anderen Dingen, was wiederum die andern stört.
   Am liebsten halten sie sich in der Bauecke, Buddelkiste oder im Toberaum auf. Unbeliebt sind Malen, Basteln und Aufgaben, die feinmotorische Geschicklichkeit erfordern.
   Stimmungsschwankungen drücken sich teilweise in unerwartet heftigem Trotzen und Wutausbrüchen aus.
    Die Kinder leiden darunter und möchten so gern akzeptiert und anerkannt werden. Sie können jedoch schlechter dem Gruppenspiel folgen, scheinen nicht zuzuhören, stören und dürfen folglich oft nicht mitspielen.
   Verabredungen mit anderen Kindern sind selten und enden oft im Streit, Einladungen zu Geburtstagsfeiern sind eher die Ausnahme.
   Manche Kinder werden mißtrauischer, erwarten schon Ablehnung, verhalten sich entsprechend und die unheilvolle Abwärtsbahn mit Außenseiterverhalten gewinnt an Fahrt.

Schulkind:
  Die typischen ADHS-Merkmale sind of lange kaschiert und ausgeglichen durch ein gutes soziales Umfeld und eine mindestens durchschnittliche Intelligenz. Besonders in der Grundschule werden die Inhalte häufig wiederholt und mit verschiedenen Formulierungen und Materialien den Schülern nahe gebracht. Da reicht es für ein durchschnittlich begabtes Kind auch aus, wenn die Aufmerksamkeit mehr
fach nur für wenige Minuten beim Unterrichtsgeschehen ist, um der gut folgen zu können.
  Kommen neue Anforderungen genügen irgendwann die Kompensationsmöglichkeiten nicht mehr, die Leistungen sacken ab, sie entsprechen dann nicht mehr den intellektuellen Möglichkeiten des Kindes.   
  Das kann zum Beispiel in der zweiten Hälfte der 2. Klasse sein, wenn der Leselehrgang weitgehend abgeschlossen ist und neue Wörter erlesen werden müssen. Die bisherige Kompensation mit dem Erkennen von Wortbildern reicht nicht mehr aus.
  Ähnliches geschieht in der 5. Klasse. wenn die erste Fremdsprache dazu kommt und ein regelmäßiges Vokabellernen erforderlich wird. Dazu folgt die Orthografie oft nicht der gewohnten Phonetik und ein Schüler mit geringer Aufmerksamkeitsspanne ist überfordert.
  Die Einschränkungen der exekutiven Funktionen zeigen sich in der in der unzureichenden auch unrealistischen Planunung und ausbleibenden Ausführung,  Der Kopf ist voller guter Ideen, voll von Bruchstücken toller Projekte und glanzvoll geträumten Perspektiven. Die Umsetzung enttäuschend, und den Schülern ist dies schmerzlich vertraut, wenn auch nicht immer bewusst.  
  So weichen sie aus, schieben auf, beenden Projekte nicht. Oft tun sie dies unbewusst, um Frustrationen zu vermeiden, weil sie die notwendige Ausdauer nicht aufbringen können, das Ergebnis den eigenen und fremden Vorstellungen (Lehrer, Eltern) nicht entsprechen wird und negative Reaktionen schon erwartet werden.
  Fremdbestimmte Wechsel und Veränderungen von Aufgaben, Orten, Zeitvorgaben sind belastend und irritieren. Günstig für diese Kinder sind zum Beispiel frontal zum Lehrer ausgerichtete Sitzplätze ohne Blick aus dem Fenster in einem festen Klassenraum.
  Hausaufgaben stellen hohe Anforderungen an Selbstorganisation, Ordnung und Zeiteinteilung, die Kernbereiche der exekutiven Funktionen. Die Kinder spüren ihre mangelnden Fähigkeiten genau und können vielfältige Vermeidungsstrategien einsetzen: Verzögern, Diskutieren, Verweigern, jeder kleinen Ablenkung folgen.
   Viele Schüler werden für ihr Sozialverhalten oft sehr geschätzt: sie sind hilfsbereit, setzen sich für Andere ein und haben einen ausgeprägten sinn für Fairness.

Jugendlicher:
  Die Pubertät ist neben dem Säuglingsalter die Phase der stärksten Egozentrik im Leben. Bei ADHS-Jugendlichen wird dieses Verhalten noch verstärkt durch den Mangel an Aufmerksamkeit auch in sozialen Situationen. Sie können zum Beispiel schlechter im Gesicht des Gegenübers lesen, Mimik und Gestik erfassen. In den eigenen Stimmungen verhaftet fällt es ihnen schwer, die Stimmungen und Bedürfnisse der Anderen zu erkennen und adäquat darauf einzugehen.
  Die Hyperaktivität wird im Jugendalter oft weniger. Manchmal bis hin zur Lethargie, vor allem, wenn Anforderungen gestellt werden. Da die Hyperaktivität das auffälligste Symptom ist und im Jugendalter weniger wird, entsteht der oberflächliche Eindruck, die ADHS "wüchse sich aus". Aber eine genetische Disposition kann sich nicht auswachsen, sie verändert sich nur phänotypisch in ihrer Ausprägung.
  Die geringe Aufmerksamkeitsspanne führt häufig zu schulischen Leistungseinbußen. Erfolgserlebnisse bleiben aus, das Interesse schwindet, die Leistungen werden schlechter, der Jugendliche weiß häufig nicht mehr, worum es im Unterricht geht und beschäftigt sich anderweitig. Zu seinem eigenen großen Nachteil bestätigt er seine "Es-nützt-doch-nichts"-Einstellung durch sein ungünstiges Verhalten.
  Nicht nachvollziehbare Stimmungsschwankungen und Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle führen ihn immer wieder in soziale Konflikte. Wer sich wie ein Außenseiter verhält, wird wie ein Außenseiter behandelt und wer ie ein Außenseiter behandelt wird, verhält sich wie ein Außenseiter. Eine psychologische Binsenweisheit.
  Jeder Mensch braucht Anerkennung und sucht sich die Gruppe, in der er anerkannt ist, aufgenommen und nicht kritisiert wird. So kommen besonders ADHS-Jugendliche oft zu falschen Freunden, gelangen in Gruppen, in denen das oppositionelle Verhalt stärkt wird. Es wächst die Gefährdung illegale Sachen auszuprobieren, dem Reiz nachzugeben, Nikotin, Alkohol, Drogen zu versuchen. Die Schule wird vernachlässigt und die Gefahr delinquenten Verhaltens steigt.
  Das Chaos im Kopf spiegelt sich in der Unordnung des Zimmers, im Durcheinander in der Schultasche. Am wenigsten möchte der Jugendliche Ermahnungen und gut gemeinte Ratschläge hören. Sie führen direkt zu aktiver Abwehr und Widerstand. Die "coole" Außenhaut meist dünn und leicht verletzlich. Die emotionale Reife entspricht oft nicht dem biologischen Alter und aggraviert die Konflikte. 

Erwachsener:
Die wundersame Spontanheilung am 18. Geburtstag gibt es nicht.
  Viele Symptome verändern sich, bleiben aber in ihrer Wirkung auf die exekutiven Funktionen erhalten. 86% aller als Kinder behandelten Erwachsenen behalten die Kernsymptome im Erwachsenenalter, wobei die Hälfte dieser Erwachsenen die die ADHS-Diagnose behalten. In bildgebenden Verfahren können bei diesen im gesamten Hirnrinde, insbesondere im frontalen Bereich Reifungsverzögerungen nachgewiesen werden. Die motorische Unruhe verschwindet zwar größtenteils jedoch empfinden die Patienten meist eine unangenehme innere Unruhe. Fortbestehende Unaufmerksamkeit erschwert Schulabschlüsse. Wegen Vergesslichkeit für "langweilige" Informationen (Termine und Aufgaben) muß mehr schriftlich notiert werden, da sonst man für das Umfeld man als unzuverlässig erscheint. Die betroffen sind jedoch oft in der Lage zu Hyperfokussieren, d.h. sie können sich bei interessanten Problemstellungen äußerst intensiv und hartnäckig verhalten. Es werden dabei häufig herausragende Resultate erzielt, wobei Alltagsaufgaben leicht liegen bleiben.
Das impulsive Verhalten bleibt ebenfalls bestehen, sodaß es oft zu Jähzornigkeit und Wutanfällen kommt. Weitere Erscheinungen könne sein: Imulsives Kaufen, Essen (Übergewicht!) oder Trinken (!Sucht) sein. Die Fähigkeit zur alltäglichen Motivation bleibt eingeschränkt. Es besteht ein hohes Bedürfnis nach abwechslung.

Nochmals anders formuliert:
  Die ziellose Hyperaktivität des Kleinkindes wird zur gerichteten Aktivität bei kurzen oder attraktiven Tätigkeiten. Oft wird dabei die eigentlich geplante und notwendige Aufgabe aufgeschoben, unabhängig ob sie schwierig, umfangreich oder besonders wichtig ist. So sind dann die Blumen gepflegt, die quietschende Tür endlich geölt, die defekte Glühbirne erneuert, das Altglas weggebracht und ein Kuchen für eine liebe Nachbarin gebacken - aber die auszufüllende Steuerklärung ist wieder leer geblieben.
  Die feinmotorische Unruhe entlädt sich mit Wippen der Füße, ständigen Fingerbewegungen, sei es das Knibbeln an den Fingerkuppen, Nägelkauen oder Biegen einer Büroklammer. Während (Telefon-) Gesprächen wird teilweise kraftvoll mit dem Stift gemalt.
  Auch der Erwachsene mit ADHS steht gern mal auf, verändert seine Sitzposition und geht nicht unbedingt gern in längere Vorträge, Konzerte oder Aufführungen, wo ruhiges Sitzen erwartet wird.
  Die innere Rastlosigkeit, das Getriebensein, verhindert den Genuss, das lange Sitzen wird unangenehm empfunden bis zum imperativen Bewegungsdrang.
  Unruhe, Gedankensprünge (bis zur Ideenflucht) und immer wieder neue Projekte belasten manchmal die Partner. Stimmungsschwankungen sind für sie nicht nachvollziehbar und irritieren jede Beziehung.
  Immer wieder Briefe zu schreiben, zu telefonieren oder an den Geburtstag zu denken, um eine Beziehung über Entfernung aufrecht zu halten, fällt schwer und gelingt oft nicht.
  Viele neue Ideen blockieren die Umsetzung oder vollständige Erledigung begonnener Arbeiten. Oft gibt es mehrere angefangene Projekte, für deren Beendigung die Ausdauer fehlt oder das Interesse plötzlich schwindet.
  Neue, spannende Aufgaben werden angenommen, auch Verpflichtungen eingegangen, obwohl sie zeitlich kaum zu schaffen sind. Druck und Stress werden größer, Unruhe und Gereiztheit übertragen sich vor allem auf die Familie und schaffen neue Spannungen. Das Chaos im Kopf spiegelt sich in der Schwierigkeit, Ordnung zu halten und den Überblick zu bewahren.
  Bei großem Interesse kann zielstrebig und mit hohem Einsatz gearbeitet werden, fast rastlos (Hyperfokussierung). Nachdem eine Arbeit erstmal begonnen ist, fällt es schwer sie zu unterbrechen oder zu beenden. Intuitiv wird erfasst, daß der Wiedereinstieg schwierig wird und es unsicher ist, ob er auch gleich wieder gelingt.
  Der Umgang mit Zeit und fremdbestimmten Aufgaben sind Kernstücke der Selbstorganisation. Die Zeit wird mal als zuviel empfunden und es entsteht schnell Langeweile, die kaum aushaltbar ist, zum Beispiel ruhig in einer Schlange im Supermarkt oder an der Vorverkaufskasse zu warten. Oder die Zeit wird als zu knapp wahrgenommen und zum Beispiel in Eile und Hektik übersetzt. Knappe Zeit fördert auch das Aufschieben mit dem Gedanken. "Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr anzufangen". Das Zeitempfinden stimmt oft nicht mit dem des Partners, der Freunde oder Kollegen überein.
  Erwachsene mit ADHS erleben oft täglich die selbst gemachten kleinen und großen Frustrationen. Sie erleben auch täglich die Irritationen, die manchmal
verständnislosen Reaktionen der, Partner, Kollegen und Freunde. Das Risiko zu Unfällen, 2-3-fach erhöhtes Suchtrisiko, Scheidungen, häufigeren beruflichen Wechseln und Kriminalität ist deutlich erhöht.
  Oft finden sie in helfenden und darstellenden Professionen (z.B. im Außendienst, als Schauspieler, Politiker) ihre Berufung.
 
Senior
  Zu Senioren mit ADHS gibt es bisher kaum Forschungsbeiträge. Die Diagnostik im Seniorenalter ist noch komplexer als in jüngeren Jahren durch die Überlagerung von ADHS- und altersbedingten Einschränkungen.
  Doch auch im fortgeschrittenen Alter gibt es noch erheblichen Leidensdruck und eine verminderte Lebensquallität.
  Symptome werden einerseits gravierender durch die Altersveränderungen (z.B. nachlassendes Gedächtnis, schlechteres Sehen und Hören) und die Kompensationsstrategien funktionieren nicht mehr so gut. Andererseits sind die Symptome nicht mehr so schwerwiegend, da berufliche Belastungen keine Rolle mehr spielen und weniger Verantwortung für andere übernommen werden muß.
  Altersbedingt wird auch die motorische Aktivität weniger. Es bleiben aber oft die sprunghaften Gedanken, das dä„ngende Mitteilungsbedürfnis, die Schusseligkeit, die Sammelleidenschaft und Desorganisation. Hier gibt es noch viel Forschungsbedarf.

Träumer
  Ein Wort noch zu den "Träumern", der Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität. Sie fallen nicht durch die motorische Unruhe auf, im Gegenteil, sie sind unteraktiviert und werden eher übersehen. Sie stören nicht, sind eher zurückhaltend, folgen langsam den Anweisungen, trödeln und bleiben hinter ihren Leistungsmöglichkeiten zurück.
  Sie leiden wie die Hyperaktiven auch unter der geringen Daueraufmerksamkeit, der Schwäche ihrer exekutiven Funktionen, der chaotischen Organisation, dem mangelnden Zeitgefühl und leiden häufig still unter dem Gefühl "Warum gelingt mir das alles nicht?".

Fazit
  Hier sind viele Probleme und Negativbeschreibungen der Menschen mit ADHS zusammen getragen. Viele von ihnen können ihr Potential erst nach der Schule entfalten, wenn sie mehr ihren Interessen folgen und dann oft Großartiges leisten können.
   Vielen berühmten Persönlichkeiten werden aufgrund der Biografie ADHS- Symptome zugeschrieben, zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozart, Thomas Alva Edison, Johann Heinrich Pestalozzi, Herrmann Hesse, Albert Einstein und Winston Churchill.
  Genies gibt es aber nur wenige. Eine adäquate Begleitung und Therapie lindert den Leidensdruck dieser Menschen, lässt leichter ein adäquates Selbstwertgefühl entstehen und andere können an ihren kreativen Potentialen und ihrer Einsatzfreude teilhaben.
  
    Unbehandelt kommt es meist zu einer schlechteren Schullaufbahn, als es den Fähigkeiten entspräche, bis hin zu Schulversagen.

    Auch psychoreaktive Störungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Probleme in der sozialen Bindungsfähigkeit, Depressionen, Sucht- tendenzen und Selbst- und Fremdgefährdung treten immer wieder auf. Mißhandlungstendenzen in der Familie sind nicht selten, da manchmal alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen.
    Die Eltern haben häufig Auseinandersetzungen mit dem Kind und miteinander. ”Wer macht was falsch?”, ist eine zentrale Frage, die dann auch mit Lehrern und Erziehern ausgetragen wird.

    Geschwisterkinder fühlen sich häufig zurückgesetzt, mit zu wenig Aufmerksamkeit bedacht und leiden unter einem gereizten Klima.

    Ungünstige familiäre und soziale Bedingungen sind zwar nicht ursächlich, spielen aber eine große Rolle bei Ausprägungsgrad und Chronifizierung.
Häufigkeit
    Das ADS ist weltweit als häufigste kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankung definiert. Man rechnet damit, daß 5% bis 8% aller Kinder und ca. 3% der Erwachsenen betroffen sind.
Sie erlauben im Detail durch genaue Beobachtung eine Aussage darüber, ob und in welcher Ausprägung (leicht - mittel - schwer) ein Aufmerksam- keitsdefizitsyndrom vorliegt.
International sind sie eindeutig in zwei verschiedenen Katalogen definiert und verifiziert
    • in der International Classification of Disease, ICD 10 und
    • in dem Diagnostic and Statistic Manual, DSM IV.
Zwischen beiden Auflistungen bestehen Unterschiede, die für die prak- tische Diagnose allerdings keine Relevanz haben.

Die drei Leitsymptome müssen nicht alle gemeinsam auftreten. Es kann jeweils ein Typus überwiegen und das Störungsbild charakterisieren. Der vorwiegend hyperaktiv- impulsive Typ ist aufgrund seines auffälligen Verhaltens meist leichter zu erkennen als der vorwiegend unaufmerk- same Typ, der keine Anzeichen hyperaktiven Verhaltens zeigen muß, deshalb zwar unauffällig, aber geistig abwesend ist.

Es kann auch ein Mischtyp aus beiden Bereichen das Störungsbild be- stimmen. Alle drei Typen gehören jedoch zu demselben ADS. Unter der Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität ADHD leiden laut einer Untersuchung zehnmal mehr Jungen als Mädchen, wogegen zehnmal mehr Mädchen als Jungen dem unauffälligen verträumten ADS-Typus angehören.

Die Verhaltensauffälligkeiten können unter verschiedenen situativen Bedingungen auftreten, zum Beispiel zu Hause und/oder im Kindergarten oder in der Schule, sowohl bei Lernanforderungen als auch im sozialen Umfeld.

Nun zu den Leitsymptomen im Einzelnen.

Dem Symptom Unaufmerksamkeit lassen sich neun Beobachtungskriterien unterordnen.

Das Kind/ Der Jugendliche
  1. beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei verschiedenen Tätigkeiten
  2. hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Arbeit und Spiel aufrecht zu erhalten
  3. scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere es/ihn ansprechen
  4. führt häufig Aufträge anderer nicht vollständig durch und kann Arbeiten und Aufgaben nicht zu Ende bringen
  5. hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
  6. vermeidet häufig oder hat eine Abneigung gegen Aufgaben, die eine länger dauernde geistige Anstrengung erfordern
  7. verliert oder vergißt häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden
  8. läßt sich von äußeren Reizen leicht ablenken
  9. ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergeßlich.
Das Symptom Hyperaktivität läßt sich mit fünf Beobachtungs- kriterien beschreiben.

Das Kind/ Der Jugendliche
  1. zappelt häufig mit Händen und/oder Fü8en und rutscht auf dem Stuhl hin und her
  2. steht häufig im Unterricht oder anderen Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird
  3. hat häufig Schwierigkeiten ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen
  4. ist häufig ”auf Achse” oder handelt so, als ob es/er ”getrieben” wäre
  5. zeigt oft exzessive motorische Aktivität, die durch Aufforderung nicht beeinflußbar ist.

    Zum Symptom Impulsivität gehören vier Kriterien.

    Das Kind/ Der Jugendliche
  1. unterbricht oder stört andere häufig
  2. platzt häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist
  3. kann oft nur schwer warten, bis es/er an der Reihe ist
  4. redet häufig übermä8ig viel (”Sprechdurchfall” nach C. Neuhaus).
Um das ADS diagnostizieren zu können, muß das auffällige Verhalten bereits vor dem 7. Lebensjahr aufgetreten sein (abgesehen von einem altersentsprechenden erhöhten Aktivitätsniveau zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr) und länger als sechs Monate andauern.

Ein Kriterium gilt allerdings nur dann als erfüllt, wenn die Verhaltens- weisen beträchtlich häufiger zu beobachten sind, als dies bei den meisten Kindern im gleichen Entwicklungsalter der Fall ist. Von den Diagnosekriterien müssen jeweils zwei Drittel zutreffen.

  • Zur Differentialdiagnose des ADS:
  • Die Kernsymptome müssen in verschiedenen sozialen Bereichen vorhanden sein. Häufig wirrd ADS bei lernbeehinderten Kindern diagnostiziert. Einige der beschriebenen Symptome können auch ohne zugrunde liegendes ADS aufgrund anderer Ursachen auftreten. Daher ist eine so genannte differentialdiagnostische Abgrenzung wichtig.

Solche andere Ursachen können sein
im emotional-psychischen Bereich:
  1. ein kontinuierlicher Überforderungs-/Erschöpfungszustand
  2. ein schlecht organisiertes, inadäquates oder emotional belastendes häusliches Milieu und die daraus entstehenden Verhaltensauffälligkeiten
  3. depressive Störung im Jugendalter
  4. manische bzw. schizophrene Episoden oder tiefgreifende Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus, Asperger-Störung)
  5. affektive Störungen/Angststörungen
im kognitiven Bereich:
  1. eine Intelligenzminderung: Auch bei Minderbegabung kann die Diagnose ADS gestellt werden, wenn das Kind die drei Kardinalsymptome deutlicher zeigt als andere Gleichaltrige mit ähnlichem Intelligenzniveau.
  2. eine Hochbegabung
  3. umschriebene Teilleistungsstörungen (Dyskalkulie, Legasthenie und Sprachstörungen)
im somatischen Bereich:
  1. Erschöpfungszustände im Rahmen somatischer Erkrankungen
  2. Seh- und Hörstörungen
  3. Stoffwechselstörungen (z.B. Schilddrüsenüberfunktion)
  4. Neurologische Erkrankungen (v.a Epilepsien oder Ticerkrankungen).
  5. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, daß Medikamente zur Behandlung von Epilepsie selbst Konzentrationsstörungen verursachen können.
  6. Drogenkonsum (besonders bei Jugendlichen zu beachten)

  7. Aus der Vielzahl der differentialdiagnostischen Erwägungen ist zu erkennen, daß nicht ein einziges Leitsymptom zur Diagnose führen kann, sondern daß das ADS eine Ausschlußdiagnose darstellt, resultierend aus einer Vielzahl von anamnestischen Daten bzw. testpsychologischen Ergebnissen und einer umfassenden körperlich-neurologischen Untersuchung.

  • Was gehört zur Diagnostik?
  • Beim ADS handelt es sich also immer um eine so genannte symptoma- tische Diagnose, d.h. sie wird nur anhand der beschriebenen oder selbst beobachteten Symptome gestellt.
Es gibt keine objektiven Testverfahren (weder medizinische noch psychologische), mit denen eine völlig zweifelsfreie Diagnose möglich wäre. Um so wichtiger ist es, sorgfältig alle zur Verfügung stehenden Daten zu erheben. Dies gelingt am besten durch eine enge Zusammenarbeit von Kinderarzt und Psychologe.

Eine gut fundierte Diagnostik umfaßt:
  1. Exploration der Eltern und (wenn vom Entwicklungsstand her möglich) des Kindes. Hierfür existieren Explorationsleitfäden (s. Anhang).
  2. Fragebogenverfahren zur Verhaltensbeurteilung durch Eltern, Lehrer/ Erzieher und gegebenenfalls den Betroffenen selbst (s. Anhang).
  3. Leistungstests zur Abklärung des kognitiven Entwicklungsstandes (Intelligenztests und bei Bedarf zusätzliche Teilleistungstests; weniger bewährt haben sich reine Konzentrationstests).
  4. Verhaltensbeobachtung sowohl in Anforderungssituationen (Test) als auch in Situationen, in denen sich das Kind selbst beschäftigen soll (z.B, während der Exploration der Eltern). Zeigt sich das Kind hier allerdings unauffällig (v.a. beim ersten Termin), kann ein ADS noch nicht ausge- schlossen werden, da vor allem bei älteren Kindern die Selbstkontrolle in neuen Situationen zunächst besser ist. Treten die Symptome dagegen auch in der Diagnostiksituation auf, erhärtet dies den Verdacht auf das Vorliegen eines ADS.
  5. Neurologische und orientierende internistische Untersuchung, v.a. zum Ausschluß anderer Erkrankungen.
  6. Ein EEG, vor allem wenn eine medikamentöse Behandlung geplant wird.
  7. Werden zusätzliche Teilleistungsstörungen diagnostiziert und entsprech- ende Therapien in die Wege geleitet, folgt noch die spezifische Diagnostik des jeweiligen Therapeuten (z.B. ergotherapeutische, logopädische, motopädische Diagnostik usw.).
  • Die Therapie:
  • Weder mit Tabletteneinnahme noch mit Ergotherapie alleine läßt sich Ihr Kind behandeln. Die besten Erfolge in der Therapie lassen sich durch eine Kombination verschiedener therapeutischer Maßnahmen erzielen (multimodales Konzept). Hierzu ist eine gute Kooperation zwischen behandelndem Kinderarzt, Psychologen sowie anderen, im Einzelfall zugezogenen Therapeuten notwendig.

    Das multimodale Konzept umfaßt
  1. die psychologische Beratung und Betreuung der Eltern
    • für den Umgang mit dem betroffenen Kind
    • für sie selbst, um dem erhöhten Aufwand an Energie und Nerven, den die Erziehung dieses Kindes ihnen abverlangt, auf Dauer gewachsen zu sein und eine positive Eltern-Kind-Interaktion aufrecht zu erhalten oder wieder herstellen zu können.
    • Beratung zur Wahl des richtigen Schul-/Kindergartentyps, so daß sowohl eine Über- als auch eine Unterforderung vermieden werden. Kleine Gruppen in der Erziehung dieser Kinder sind w0nschenswert.

  2. psychologisch-pädagogische Beratung anderer Betreuungspersonen (Lehrerln/ Erzieherln ) im Umgang mit dem Kind.
  3. therapeutische Hilfen in der Behandlung der Teilleistungsstörungen
    • motorische Störungen: Krankengymnastik, Ergotherapie, Motopädie
    • Lese-Rechtschreibstörungen und Dyskalkulie: spezifische Förderung im Sinne einer Lerntherapie.
    • sprachliche Entwicklungsverzögerung: Logopädie oder Sprachfrühförderung
    • soziale Verhaltensstörungen: Spieltherapie, Heilpädagogik, Psychomotorik, Verhaltenstherapie, soziales Gruppentraining.

  4. medikamentöse Therapie mit Stimulanzien (z.B. Metylphenidat) zur Behandlung der Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen sowie der Impulsivität: Hieran sollte man denken, wenn andere Maßnahmen alleine nicht mehr ausreichen und auf Grund der ausgeprägten Symptomatik des Kindes folgende Gefahren drohen:
    • Schulversagen trotz ausreichender kognitiver Fähigkeiten
    • soziale Isolation in der Gruppe der Gleichaltrigen
    • Eskalation familiärer Probleme

  5. ElternSelbsthilfegruppen und/oder fachlich geleitete Gruppenkurse für Eltern:
  6. Den Austausch mit anderen Betroffenen erleben viele Eltern als emotional entlastend und hilfreich.

    Methodisch hat sich bei der psychologischen Arbeit mit Eltern und Kindern der verhaltenstherapeutische Ansatz am besten bewährt.

    Andere psychotherapeutische Methoden (z.B. Familientherapie) können im Einzelfall ergänzend sinnvoll sein, wenn sich aufgrund des ADS oder zusätzlich dazu seelische Probleme oder Interaktionsstörungen entwickelt bzw. verselbstständigt haben.
    Die therapeutischen Maßnahmen müssen für das Kind jeweils individuell abgestimmt werden und hängen von mehreren Faktoren ab:
     
    1. Alter des Kindes
    2. Ausprägungsgrad der Störung
    3. Begleitsymptome
    4. Lebensumfeld des Kindes
Für alternative Heilverfahren (z.B. Homöopathie, Bachblütentherapie, Magnetresonanztherapie) fehlen wissenschaftliche Nachweise.

  • Was man über die Therapie mit Stimulanzien wissen sollte:
1. Sie wirken nicht dämpfend, sondern zentralnervös anregend. Dadurch verbessern sie die Impulssteuerung, sowie die Konzentration und Aufmerksamkeit. Das Kind wirkt in sich geordneter, selbstkritischer und das Verhaltern normalisiert sich.

2. Sie verbessern nicht die intellektuelle Leistungsfähigkeit oder die Begabung eines Kindes.

3. Sie wirken sich nur so lange positiv auf das Symptom aus, wie sie eingenommen werden. Ein direkt heilender Effekt kann nicht erzielt werden. Jedoch kann durch eine langfristige Einnahme eine Stabilisierung der Lebenssituation über die kurzfristige Wirkung hinaus erzielt werden.

4. Die Wirkung läßt 3 - 6 Stunden nach der Einnahme wieder nach.

5. Sie wirken nicht bei allen Kindern. Die Ansprechrate beträgt laut DÖPFNER (DÖPFNER 2000) bei schwer hyperaktiven Kindern über 5 Jahren 70%- 90%, unter 5 Jahren ca. 50%.

6. Die optimal wirksame Dosierung ist bei verschiedenen Kindern unterschiedlich und muß individuell ausgetestet werden.

7. Sie werden vom Hersteller erst ab einem Alter von 5- 6 Jahren em- pfohlen, da für jüngere Kinder nicht ausreichend wissenschaftliche Unter- suchungen vorliegen.

8. Bei bestimmten körperlichen Erkrankungen (z.B. Epilepsie) sollten sie nur nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung und unter besonders strenger ärztlicher Kontrolle gegeben werden.

9. Sie machen bei der üblichen Dosierung nicht körperlich abhängig und begünstigen auch nicht späteren Drogenmißbrauch. Im Gegenteil weisen Studien aus den USA sogar darauf hin, daß Kinder mit diagnostiziertem ADS, die mit Stimulanzien behandelt wurden, statistisch ein geringeres Risiko haben, später drogenabhängig zu werden, als unbehandelte Kinder mit ADS.

10. Besondere Vorsicht ist aber geboten, wenn im familiären Umfeld des betroffenen Kindes Drogenmißbrauch vorliegt oder wenn ein von ADS betroffener Jugendlicher bereits vorher dadurch aufgefallen ist, daß er Medikamente hortet oder weiterverkauft.

11. Nebenwirkungen können sein:
Schlafstörungen, Appetitmangel, Bauch- und Kopfschmerzen, Steigerung der Krampfbereitschaft bei Epileptikern, Weinerlichkeit und Depressivität, leichte Steigerung von Blutdruck und Herzfrequenz, Auftreten oder Verschlimmerung motorischer und vokaler Ticstörungen.

Die Nebenwirkungen verschwinden in der Regel mit Absetzen des Medikamentes wieder, oft aber auch schon durch eine Veränderung der Dosierung. Lediglich bei Ticstörungen wurde in Einzelfällen eine Verselbstständigung beobachtet, weshalb der Arzt bei ihrem Auftreten unverzüglich zu unterrichten ist.

Vor allen Dingen bei jüngeren Kinder (bis zur Einschulung) und/oder einem nur leichten bis mittleren Ausprägungsgrad der Störung wird man zunächst versuchen auf Medikamente zu verzichten. Ein Studie in Köln (DÖPFNER 2000) hat allerdings ergeben, dass 40% - 50% der Kinder mit der Diagnose ADS irgendwann Stimulanzien mit Erfolg erhalten.

12. Dauer der Behandlung: Kontinuierliche Therapie auch in den Ferien. Jährliche Aulassversuche können erwogen werden, insbesondere im Pubertätsalter.
  • Therapiekontrolle:

  • Zu einer gewissenhaft durchgeführten Therapie gehört nicht nur eine vorausgehende sorgfältige Diagnostik, sondern auch in gewissen zeit- lichen Abständen eine Überprüfung der Therapie auf ihre Wirksamkeit mit möglichst objektiven Messmethoden.

    Diese beinhaltet eine vollständige körperliche und neurologische Unter- suchung durch den Arzt. Außerdem sollte bei Kindern mit ADS die Therapiekontrolle durch erneute Befragung der Eltern und Erzieher/ Lehrer mit standardisierten Fragebogen, die bereits zur Erstdiagnostik verwendet wurden, erfolgen. Eine psychologische Wiederholungs- untersuchung und Verhaltensbeobachtung wäre darüber hinaus wünschenswert. Im Idealfall füllen die Erzieher/Lehrer über einen Zeit- raum von mehreren Monaten regelmäßig einen kurzen Fragebogen aus, ohne zu wissen, ob das Kind bereits behandelt wird oder nicht, da eigene Erwartungen an den Erfolg einer Behandlung erfahrungsgemäß die Wahr- nehmung beeinflussen. Dies lässt sich allerdings bei einer medikamen- tösen Therapie leichter verwirklichen als bei einer psychotherapeutischen oder heilpädagogischen, da Stimulanzien praktisch sofort wirken. In der Regel setzt der Arzt für eine medikamentöse Erprobungsphase, in der die Dosierung langsam gesteigert wird, einen Zeitraum von 6-8 Wochen an. Bei einer Psychotherapie erwartet man erste Wirkungen frühestens nach 4-6 Monaten.

     
  • Literatur
  • Hier finden Sie Literaturempfehlungen für Eltern und interessierte Laien ebenso wie für Fachleute.

    Bei den Literaturangaben handelt es sich um eine Auswahl, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Um den Überblick zu erleichtern, wird zwischen Büchern, die für Eltern und andere interessierte Laien zu emphehlen sind , und reiner Fachliteratur unterschieden.

    Literatur für Eltern und andere Interessierte
  • Aust-Claus E. 5 und Hammer P.-M.: Das ADS-Buch – Neue Konzeptionshilfen für Zappelphilippe und Träumer. Das OptiMind-Konzept. Oberstebrink & Partner GmbH, Ratingen, 1999.
  • Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder: Unser Kind ist hyperaktiv! Was nun? 1996, Selbstverlag, 91301 Forchheim, Postfach 60, ISBN 3-00-000507-2.
  • Defersdorf Roswitha: Deutlich reden, wirksam handeln. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2000.
  • Defersdorf Roswitha: Drück mich mal ganz fest. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 1991.
  • DöpfnerM., Schürmann S. & Lehmkuhl G.:Wackelpeter undTrotzkopf. Beltz-Verlag, Weinheim, 1999.
  • Eichlseder W.: Unkonzentriert? Hilfen für hyperaktive Kinder und ihre Eltern. Bucher, München, 1985.
  • Freed Jeffrey K Parsons Lauree: Zappelphilipp und Störenfrieda lernen anders. Wie Eltern ihren hyperaktiven Kindern helfen können, die Schule zu meistern. Beltz-Verlag, Weinheim, 1998.
  • Kast-Zahn Anette: Jedes Kind kann Regeln lernen. Oberstebrink 5 Partner GmbH, Ratingen, 1997.
  • Lauth G.W., Schlottke P.F. Bc Naumann K.: Rastlose Kinder, ratlose Eltern. DTV, München, 1998.
  • Lindgren Astrid: Lotta zieht um. Oetingen Verlag, Hamburg 1997. Meyer-Glitza Erika: Wenn Frau Wut zu Besuch kommt. Iskopress, Salzhausen, 2000.
  • Neuhaus Cordula: Das hyperaktive Kind. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg, 1996.
  • Schaefgen Rega: ”Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom” – eine Form der sensorischen Integrationsstörung. Selbstverlag, 2000.
  • Walter U.: Mein wildes, liebes Teufelchen. Ullstein, Berlin, 1997.
  • Warnke Andreas: Informationsheft zum Hyperkinetischen Syndrom (HKS) für Eltern, Lehrer und Kinder. Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Würzburg. Zu beziehen über: Novartis Pharma GmbH, Postfach, 90372 Nürnberg.
  • Eckhard Ziegler-Kirbach: ADHS in der Lebenslinie, päd (17) 2011
II. Fachliteratur
  • Cserwenka K., Bolvansy R. & Kinze W.: Hyperaktive Kinder. Beltz-Verlag, Weinheim, 1997.
  • Döpfner M., Frölich l., Lehmkuhl G.: Hyperkinetische Störungen. Leitfaden Kinder- und Jugendpsychiatrie, Band 1, Hogrefe-Verlag, Göttingen, 2000.
  • Döpfner M., Schürmann S. Frölich J.:Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP), Beltz-Verlag, Weinheim, 1998.
  • Döpfner M. & Lehmkuhl G.: Langzeiteffekte multimodaler Therapie bei Kindern mit hyperkinetischen Störungen. Noch laufende Studie an der Universität Köln. Veröffentlichung erster Ergebnisse in: Döpfner M., Lehmkuhl G. Fischer R.: ADHS-Report 1, Referate für Klinik und Praxis; 1. Jahrgang, Juli 2000 (im Text zitiert).
  • Döpfner M.:Vortrag zum Thema ”Hyperkinetischen Störungen” am 16.11.2000 anlässlich einer von der Psychologischen Beratungsstelle des Caritasverbandes der Diözese Eichstätt e.V. in Nürnberg- Langwasser veranstalteten Fachtagung (im Text zitiert).
  • Ettrich Christine: Konzentrationstrainings-Programm für Kinder und Arbeitsheft, Band I: Vorschulalter; Band II: 1. und 2. Klasse; Band III: 3. und 4. Klasse. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 1998
  • Fischer, Murray, Bundy: Sensorische Integrationstherapie. SpringerVerlag, Berlin/Heidelberg, 1998.
  • Fitzner T. & StarkW. (Hrsg.): ADS:Verstehen – Akzeptieren – Helfen. Beltz Tb, 2000
  • Imhof M., Skrodzki K. K Urzinger M.: Aufmerksamkeitsgestörte, hyper- aktive Kinder und Jugendliche im Unterricht. Auer Verlag, München, 1999
  • Krowatschek D. & Borgmann: Überaktive Kinder im Unterricht. Borgmann publishing GmbH, Dortmund, 1996
  • Lauth G.W. 8 Schlottke P.F.:Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern. Beltz-Verlag,Weinheim, 1993.
  • Passolt M. (Hrsg.): Hyperaktive Kinder: Psychomotorische Therapie. Ernst ReinhardtVerlag, München, 1997.
  • Prof.Dr.O.Jenni: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung Warum nicht ADHS-Spektrum. Monatszeitschrift für Kinderheilkunde 2016/4: 271-277
  • https://www.springermedizin.de/adhs/wachstum-und-entwicklung/aufmerksamkeitsdefizit-hyperaktivitaetsstoerung/8050654?fulltextView=true
III. Videos
  • Störfälle? Die viel zu (un)aufmerksamen Kinder. AK Überaktives Kind, Bundesgeschäftsstelle, Postfach 410724, 12117 Berlin.
  • Aufmerksamkeitsgestörte, hyperaktive Kinder im Unterricht. Stadtbildstelle Nürnberg, Fürther-Straße 80a, 90429 Nürnberg.


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Eckhard Rudolph
Kinderarzt Jugendmedizin
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